Mündige Gemeinde Bad Hall. Projektbericht Oktober 2024 – Jänner 2025
Die Pfarrgemeinde Bad Hall hat derzeit etwas mehr als 500 Mitglieder, die Pfarrstelle war seit mehreren Jahren unbesetzt. Nach dem oberösterreichischen Stellenverteilungskonzept wird der Gemeinde in Zukunft keine Pfarrstelle mehr zugeordnet werden. Gemeinsam mit der diözesanen Leitung hat die Gemeinde entschieden, sich auf einen neuen Weg einzulassen und sich zu einer „Ehrenamtsgemeinde“ (mündige Gemeinde/selbständig-begleitete Gemeinde) zu entwickeln.
Was braucht die Gemeinde, wenn sie sich als eine Gemeinschaft von ausschließlich Ehrenamtlichen versteht? Welches Bild von Kirche leitet uns? Was ist machbar, was nicht? Was können und wollen die handelnden Personen leisten? Welche Unterstützung von außerhalb ist notwendig? Wie strukturiert sich die Anbindung an die Gesamtkirche? Viele auch kirchenrechtliche Fragen tauchen am Anfang des Weges auf. Sie müssen nicht am Beginn aber doch im Laufe des Prozesses gelöst werden.
Der Prozess wird gesteuert von einer Gruppe, dem leitende Personen der Gemeinde (Vertreter:innen des Presbyteriums) und des WeG sowie der Superintendent angehören. Aufgabe der Steuerungsgruppe ist es, mich in meiner Aufgabe zu unterstützen, den dreijährigen Prozess hin zu einer „Pfarrgemeinde ohne eigene Pfarrstelle“ zu begleiten. Das inkludiert die kirchenrechtliche Absicherung des Projektes und die Sicherstellung der Ergebnisse. Sie verantwortet auch die Kommunikation über das Projekt auf Gemeinde- /diözesaner/ gesamtkirchlicher Ebene. Als grundlegende Ziele erachtet die Steuerungsgruppe, die tiefe Freude der Kinder Gottes zu wecken, zu nähren und im Miteinander Strahlkraft entfalten zu lassen, die Sprachfähigkeit in Bezug auf den Glauben zu entwickeln und Beziehungen zu suchen, zu pflegen und zu stärken, um eine tragfähige und entwicklungsfreudige Gemeinschaft zu etablieren.
Teilziele sind unter anderen:
- Mitarbeitende ermutigen und geistlich-theologische Perspektiven eröffnen
- Sprachfähigkeit im Glauben und geistliche Reife entwickeln
- Spirituelle Ausdrucksformen lernen und erweitern
- Mitarbeitende hinsichtlich ihrer Gaben und der erforderlichen Leitungsqualitäten fördern
- Eine tragfähige Vision für die PG als vitale, mündige Gemeinde entwickeln, die getragen ist von Freude, Nüchternheit und Treue.
- Sensibilität hinsichtlich der Region stärken und Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausloten und gestalten
- Die Basis der Mitarbeitenden verbreitern
Die erste Phase (Februar– Juli 2024)
Die ersten sechs Monate trugen die Überschrift „Erkundungsphase“. Es wurden viele Gespräche geführt, mit Menschen mit wenig, mittlerer und hoher Verbundenheit zur Pfarrgemeinde, mit externen Unterstützern wie z.B. begleitenden Pfarrpersonen und mit gelegentlichem Besucher:innen. Ziel war es, wahrzunehmen, was Gemeindemitglieder und Verantwortungsträger bewegt, welche Wünsche, Hoffnungen und Perspektiven sie tragen, welche Potentiale da sind und welche Erwartungen.
Es war eine hohe Bereitschaft wahrnehmbar, sich auf anstehende Veränderungen einzulassen. Dass jetzt nicht „endlich eine Pfarrerin da ist, die uns versorgt“, wurde schnell verstanden.
Die Sorge vor Überlastung wurde besonders vom innersten Kern der Mitarbeitenden, die schon über Jahre großen Einsatz geleistet hatten, geäußert. Immer deutlicher wurde: Welche Gestalt von Gemeinde hier auch immer in die Welt kommen will, sie muss sich an den vorhandenen Möglichkeiten und Kapazitäten orientieren. In allen Begegnungen war eine tiefe Verwurzelung im Glauben spürbar und ein großes Selbstverständnis: Wir sind hier Kirche!
Die Mitarbeitenden darüber ins Gespräch zu bringen und im Feiern von zahlreichen Gottesdiensten und Andachten das geistliche Fundament zu stärken war neben dem Hinhören der wichtigste Beitrag in dieser Phase.
Diverse Aktivitäten, die im Jahresrhythmus der Gemeinde liegen, wurden mitgestaltet und dienten als Begegnungsfläche und geistliche Vertiefung.
Hinsichtlich der Zusammenarbeit in der Region wurde eine strukturiertere Kooperation in den drei Bereichen, in denen es bisher schon eine Zusammenarbeit gab (Gemeindebrief, Lektor:innen und Konfirmand:innen), in Form von Steuerungsgruppen angebahnt.
Das Projekt Tauftropfen wurde anlässlich von zwei Taufen gestartet, um intensiveren Kontakt zu Tauffamilien zu halten.
In einem offenen Gemeindeforum wurde die Geschichte der Pfarrgemeinde, ihre Akteure, die großen Ereignisse und Herausforderungen der Vergangenheit in den Blick genommen, gewürdigt und bewusst verabschiedet.
Eine wachsende Gruppe von Gemeindegliedern begleitet das Projekt im persönlichen Gebet.
Die oben beschriebene hohe Bereitschaft, sich auf anstehende Veränderungen einzulassen, ging mit einer deutlich geäußerten Unwissenheit einher, wie eine solche aussehen könnte. Es gibt kaum Vorstellungen davon, wie eine erhoffte mündige Gemeinde in der Zukunft gestaltet sein könnte, welche Strukturen oder Maßnahmen es möglicherweise braucht, um sie lebbar zu machen. Bei einigen lebt die verborgene Hoffnung, am Ende möglicherweise doch jemanden zumindest für ein paar Stunden anstellen zu können.
Die Herausforderung besteht darin, dass es keine bekannten Vorbilder für die angestrebte Entwicklung gibt, an denen man sich orientieren könnte. Impulse für ein verändertes Bild von Gemeinde müssen in erster Linie von außen in das System eingebracht werden.
Die Anbindung an die Gesamtkirche wird von den verschiedenen Akteur:innen unterschiedlich stark erlebt.
Die zweite Phase (September 2024 – Februar 2025)
In der zweiten Phase ging es darum, stärkere Klärungen ins System einzubringen.
Im 2. Gemeindeforum am 12.10.24 stellte sich die erweiterte Gemeindevertretung vor allem die Frage nach dem Why (Simon Sinek): Warum gibt es die PG Bad Hall? Was ist ihr Anliegen/Auftrag? Es wurde folgendermaßen definiert: „Wir leben Beziehung und Gemeinschaft, damit Menschen Gott kennenlernen und zu einem persönlichen Glauben finden.“ Dies dient als Leitstern, mit dem nächste notwendige Schritte geklärt werden können (Evaluieren des Bestehenden, Was lassen wir und was könnten wir mit unseren Mitteln noch (anderes) tun?).
Der Gottesdienst als Zentrum des Gemeindelebens fordert heraus zu klären, wie die Gemeinde aus sich heraus feiern kann, ohne regelmäßig von außen versorgt zu werden. Dazu werden erste Erfahrungen unter dem Stichwort „Gemeinde feiert Gottesdienst“ gesammelt. Ein neues Modell für den Abendgottesdienst wird ausprobiert. Der Kirchenraum wurde dafür adaptiert, sodass die eher kleine Gruppe in den ersten beiden Reihen kompakt beieinandersitzen kann. Der Ablauf ist geprägt von Beten, Hören des Wortes Gottes, Sich neu ausrichten: einfach, sinnlich, mit Beteiligungsformen und einer Verkündigung, die ohne berufene Amtsperson (Lektor*in/Pfarrer*in) auskommt wie z.B. Bibelteilen. Dafür wurden „Gastgeber“ gefunden, die erste Erfahrungen machen, durch den Ablauf zu führen. Eine erste Evaluierung ist für den Sommer 2025 geplant.
Der Stärkung des Fundaments der Mitarbeitenden und der Öffnung für neue Personen diente der vierteilige Stufen des Lebens Kurs vom Oktober-November 2024 in der Reihe „Bibel aktuell spezial“ (Durch Krisen reifen. Mit Elia auf dem Weg).
Die Predigtreihe „Verwurzelt“ verfolgt die geistliche Ausrichtung und Stärkung der Mitarbeitenden. Die Gottesdienstgestaltung wird weiterhin mit Gemeindegliedern vorbereitet. Daneben wurden die Feste im Jahreskreis mit der Gemeinde gefeiert (Erntedank, Allerheiligen, Advent, Weihnachten). Dabei wurden, wo immer möglich, weitere Akteure mit einbezogen (Stadtkapelle Bad Hall, Jungmusiker, Jugendliche, Konfi-Eltern).
Parallel zum Konfikurs gab es zwei Konfirmandenelternabende, einer davon mit dem Ziel, die Konfi-Eltern über das Thema Gebet ins Gespräch zu bringen.
Diese Phase wurde begleitet von intensivem theologischen Arbeiten der Steuerungsgruppe zur Frage nach mündiger Gemeinde, ihren Merkmalen und Möglichkeiten.
Wir gehen den Weg unter der Prämisse und im Vertrauen, dass Gott, der Gemeinden ins Leben ruft, den Prozess leitet, begleitet und deutlich werden lässt, was sich entwickeln möchte.
Pfr. Kathrin Hagmüller
Projektpfarrstelle Bad Hall
Werk für Evangelisation und Gemeindeaufbau

